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Lynn Hershman Leeson, _Robertas Construction Chart 1_, 1975. Image courtesy of the artist and the Tate.
![[Roberta's Construction Chart 1.png]]
# The Real one
![](https://www.youtube.com/watch?v=bRnMiNNYUzY)
# Thesenblatt
Hochschule für bildende Künste
Dissonanzen Gestalten
SoSe 2026
Hanni Geiger
06.06.2026
Phil Keier
**Akademie/Institution:** HbK Bs **Veranstaltungstitel:** Dissonanzen Gestalten
**Semester:** SoSe 26
**Dozentin:** Hanni Geiger
**Datum:** 6.6.2026
**Referentin/Referent:** Phil Keier
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### Björk / Chris Cunningham _All Is Full of Love_ (1999)
#### Postbinäre Cyborgs und dis:konnektive Globalisierungsprozesse
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**Technische Daten**
Künstlerin: Lynn Hershman Leeson
Titel: Robertas Construction Chart 1
Datierung: 1975
Technik: Archivalischer Digitaldruck & Farbübertragungsdruck
Maße: 58.4 x 43.2 cm
Standort: Mehrere der Print wurde vervielfacht
- San Francisco Museum of Modern Art
- Quelle: https://www.sfmoma.org/artwork/2015.701/
- Inventarnummer: 2015.701
- Tate Modern (London)
- Quelle: https://www.tate.org.uk/art/artworks/hershman-leeson-roberta-construction-chart-1-p20339
- Inventarnummer: P20339
**Beschreibung**:
- Donna Haraways *A Cyborg Manifesto (1985)*
- Verknüpfung von (sozialistischer) Feminismuskritik mit Wissenschafts- & Technologiestudien
- Kritik an klassischen Feminismen
- Sozialistischer Feminismus (Marxistisch)
- Radikaler Femininusmus (MacKinnon)
- *Cyborg-Image* gegen Identitätspolitik
- *Roberta's Contruction Chart 1* als Praktische Umsetzung
**Hauptteil**:
1. Theoretische Grundlage Haraways Cyborgs
2. Vorstellung des Kunstwerkes & der Künstlerin im Kontext der Roberta Breitmore Serie (1974-1978)
3. Roberta als Cyborg - Grenzüberschreitungen nach Haraway
4. Einordnung in die Epoche
5. Politische Dimension
6. Kritische Reflektion
**Fazit**:
Quellen:
Donna Haraway, "A Manifesto for Cyborgs", 1985
[Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe](https://zkm.de/system/files/field_media_file/2023/06/17/075733/2014-broschuere-lynn-hershman-leeson-civic-radar.pdf)
[Meredith Tromble (Hrsg.) & Lynn Hershmann, The Art and Films of Lynn Hershman Leeson, S. 104-107](https://books.google.com.sg/books?id=ZQ0cEQAAQBAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false)
- Konzept/Musik: Björk
- Regie: Chris Cunningham
- Produktion: Black Dog Films (Gary Knight, Pasi Johansson / Cindy Burnay)
- Kamera: John Lynch
- Post-Produktion: Glassworks (Software: Softimage, Flame)
- Gattung: Musikvideo
- Länge: 4:10 (Video-Edit, YouTube)
- Erscheinungsjahr: 1999 (Single-Release: 24. Mai 1999)
- Land: Großbritannien
- Drehort: Bray Studios / Greenford Studios, England
- Single aus dem Album _Homogenic_ (1997), Label: One Little Indian / Elektra
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### Sachbezogener Hauptteil
**Beschreibung**
#### 1. Das Kunstwerk: _Robertas Construction Chart 1_ (1975/2004)
**Künstlerin:** Lynn Hershman Leeson (*1941, Cleveland/USA) Pionierin der Medienkunst und des frühen digitalen Feminismus
**Entstehung:** 1975 als CPrint; 2004 als archivarischer Digitaldruck in einer Auflage von 12 + 2 Künstlerabzügen
**Format:** Fotografie Bauplan einer künstlichen Identität
**Kontext Roberta Breitmore Series (19741978):**
- Hershman Leeson erschuf eine fiktive Frauenfigur, die über mehrere Jahre real lebte
- Roberta wurde durch standardisierte _Construction Charts_ erzeugt: Makeup, Kleidung, Perücke, Gestik
- Sie mietete Wohnungen, eröffnete ein Bankkonto, machte eine Therapie, suchte Mitbewohnerinnen
- Mehrere Schauspielerinnen verkörperten Roberta gleichzeitig sie war ein „Klon“‑Wesen
- Ende 1978: symbolischer Exorzismus in Ferrara (Italien)
- Nachleben: _CybeRoberta_ (KIPuppe, 1990er) und Auftritte in _Second Life_ (2006)
**Forschungsfrage:** Wie lässt sich dieses Kunstwerk mit Donna Haraways CyborgTheorie verbinden?
- Sterile, weiß-klinische Umgebung mit japanisch anmutendem Ambiente
- Zwei androgynen Roboterfiguren mit Björks Gesichtszügen werden von Roboterarmen montiert, verdrahtet, vervollständigt
- Während des Zusammenbaus: Zuwendung, Berührung, schließlich intimer Kuss der beiden Figuren
- Gesichtsmasken aus Porzellan/Keramik-Ästhetik; Körper weiß, glatt, geschlechtsambig
- Kein eindeutiges biologisches Geschlecht erkennbar
- Kameraführung: langsame, fließende Bewegungen; hoher Weißanteil; weiche Lichtsetzung
- Schnitttechnik: überblendend, mehrschichtig (laut Cunningham vier Ebenen pro Einstellung)
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#### 2. Haraways Cyborg die theoretische Grundlage
**Sachbezogene Analyse / Interpretation**
**Zentrale Thesen aus _A Cyborg Manifesto_ (1985):**
**1. Postbinäre Cyborgs & Cyborg-Feminismus (Haraway)**
- Cyborg = **Hybride aus Organismus und Maschine** Fiktion _und_ soziale Realität (S. 3)
- Ironischer Mythos, der **keine Ursprungsgeschichte** kennt (kein Garten Eden, kein ödipaler Plot) (S. 4)
- Überwindung der großen Dualismen: Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Körper/Geist, Natur/Kultur (S. 56)
- **„Wir sind Cyborgs“** ontologische Aussage über die Verfasstheit spätmoderner Subjekte (S. 3)
- Politik der **Koalition statt Identität** fragmentierte, strategische Bündnisse (S. 910)
- Haraways Cyborg (1985) als Hybrid aus Maschine und Organismus, der binäre Kategorien unterläuft: Mensch/Maschine, Mann/Frau, Natur/Kultur
- Zwei Björk-Roboter: Weder eindeutig menschlich noch maschinell Körpergrenze wird kontinuierlich neu hergestellt (Montage als Prozess, nicht Resultat)
- Keine Ursprungserzählung (kein „natürlicher" Körper vor der Maschine) → Haraways Konzept: Cyborg hat keine Ursprungsgeschichte im westlichen Sinne
- Überwindung anthropozentrischer Geschlechtlichkeit: Intimität und Begehren unabhängig von biologischem Geschlecht oder Reproduktion → „Cyborg replication is uncoupled from organic reproduction" (Haraway)
- Strukturelle Dissonanz: das Werk bejaht Technologie als Ort von Zärtlichkeit entgegen dem kulturellen Topos der kalten, bedrohlichen Maschine
**Für das Kunstwerk relevant:**
**2. Dis:konnektivität (Balme / Dogramaci / Wenzlhuemer)**
- Der Cyborg ist „resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity“ (S. 4) genau das zeigt Roberta
- Keine Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit: Roberta ist nicht geboren, sondern **konstruiert**
- Das Werk thematisiert Verbindung und Trennung gleichzeitig: Zwei Körper, die erst durch maschinelle Prozesse zur Verbindung fähig werden
- Montage als Metapher für dis:konnektive Prozesse: Herstellung von Verbindung erfordert Eingriff, Unterbrechung, Transformation
- Grenzüberschreitung als produktives Prinzip nicht Auflösung, sondern Spannung zwischen Kategorien (Haraway: „pleasure in the confusion of boundaries")
- Globale Dimension: CGI-Technologie als transnationale Produktionsweise; das Werk entstand im Schnittpunkt britischer Postproduktionskultur und isländischer Musikavantgarde
- Das Weiß der Umgebung und die Sterilität des Settings evozieren gleichzeitig klinische Kontrolle und utopische Reinheit → Ambivalenz als dis:konnektives Merkmal
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#### 3. Roberta als Cyborg vier Grenzüberschreitungen nach Haraway
**Fazit**
**a) Mensch / Tier (Haraway, S. 5)**
- Roberta ist weder ganz Mensch noch ganz Maschine sie existiert in einer Schwebe zwischen echt und gespielt
- Die _Construction Charts_ standardisieren den Körper wie eine biotechnische Prothese
**b) Organismus / Maschine (Haraway, S. 56)**
- Roberta lebt als **menschlicher Avatar** ihre Existenz ist an Aufzeichnungstechniken (Fotografie, Dokumente) gebunden
- Mehrere Verkörperungen durch verschiedene Schauspielerinnen → **Replikation ohne Original** (vgl. Haraways „Replikation statt Reproduktion“, S. 16, Tabelle)
**c) Physisch / Nichtphysisch (Haraway, S. 67)**
- Roberta existiert gleichzeitig **materiell** (Fotos, Mietverträge, Führerschein) und **immateriell** (Performance, Daten, später als KI)
- Haraway: Mikroelektronik und Codierung verwischen diese Grenze die _Construction Charts_ sind ein solcher Code
**d) Selbst / Andere (Haraway, S. 30)**
- Wer ist das „Original“ Roberta? Wer der „Klon“? Die Unterscheidung wird unmöglich
- Haraways Liste problematischer Dualismen (_self/other, whole/part, reality/appearance_) wird durch die Serie praktisch vorgeführt
_All Is Full of Love_ materialisiert Haraways cyborg-feministische Utopie ästhetisch: Intimität und Begehren werden aus biologischen, geschlechtlichen und humanen Kategorien herausgelöst und neu verhandelt. Gleichzeitig macht das Werk dis:konnektive Prozesse sichtbar Verbindung entsteht nicht trotz, sondern durch Unterbrechung, Montage und Grenzverletzung. Das Werk steht damit exemplarisch für eine Globalisierungslogik, die Trennungen und Verbindungen als untrennbar verschränkt begreift.
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#### 4. Einordnung des Kunstwerks in seine Epoche
**Auswahlbibliografie**
**Kunsthistorische Einordnung:**
- Haraway, Donna. _A Cyborg Manifesto. Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century_. 1985. In: _Simians, Cyborgs and Women_. New York: Routledge, 1991, S. 149181.
- Balme, Christopher / Dogramaci, Burcu / Wenzlhuemer, Roland. „Introduction." In: _Global Dis:connectivity_. De Gruyter, 2025.
- Angerer, Marie-Luise. „Postsexual Bodies. The Making of Desire, Digital." In: _Media Art Net_, 1999.
- Medienkunstnetz-Eintrag: [http://www.medienkunstnetz.de/works/all-is-full-of-love/](http://www.medienkunstnetz.de/works/all-is-full-of-love/)
- 1970er Jahre: Konzeptkunst, Performance, feministische Kunst (z.B. Eleanor Antin, Adrian Piper)
- Hershman Leeson geht über reine Performance hinaus: Sie schafft eine **dauerhafte, dokumentierte Parallelidentität**
- Vorläuferin von Postmoderne und Posthumanismus lange bevor diese Begriffe im Kunstdiskurs etabliert waren
**Begründung für die Wahl des Werks:**
- Die _Construction Charts_ sind keine traditionellen Kunstobjekte, sondern **Bauanleitungen für Identität** genau das, was Haraway als CyborgPraxis beschreibt
- Das Werk antizipiert um ein Jahrzehnt Haraways theoretische Figur (197478 vs. 1985)
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#### 5. Politische Dimension: CyborgFeminismus in der künstlerischen Praxis
**Laut ZKMBroschüre _Civic Radar_ (2014):**
- Hershman Leeson thematisiert die **Konstruiertheit von Weiblichkeit** als Reaktion auf die essentialistischen Feminismen der 1970er Jahre
- Roberta ist eine „simulierte Frau“ sie zeigt, dass Geschlecht keine Natur, sondern eine **performative und technisch reproduzierbare Rolle** ist
- Die Künstlerin nutzt die Mittel der Medien und des Rechts (Ausweise, Verträge), um die **Macht von Dokumenten** über Identität zu entlarven
**Nach Meredith Tromble (2005):**
- Tromble analysiert die RobertaSerie als frühes Beispiel für **postmoderne Subjektkritik**
- Die Serie demonstriert, dass Identität **fragmentiert, multiplizierbar und archivierbar** ist eine praktische Umsetzung von Haraways „partial identities“
- Besonders die _Construction Charts_ machen den **Herstellungsprozess** sichtbar und verweigern sich der Romantisierung eines authentischen Selbst
**Verbindung zu Haraways Politik:**
- Keine natürliche Gemeinschaft aller Frauen, sondern **bewusste, fragmentierte Bündnisse** (Koalition statt Identität)
- Roberta wird von mehreren Darstellerinnen getragen eine **politische Affinitätsgruppe** avant la lettre
- Technologie wird nicht abgelehnt, sondern als **Werkzeug der Selbstermächtigung** genutzt ganz im Sinne von Haraways „responsibility for boundaries“ (S. 4)
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#### 6. Kritische Reflexion
- Roberta ist nicht nur emanzipiert, sondern auch **Opfer** Angststörungen, Depression, Suizidgedanken (dokumentiert in den Tagebüchern der Figur)
- Haraway betont: Der Cyborg ist **nicht unschuldig** (S. 4). Technologisierte Identität kann neue Formen der Entfremdung schaffen
- Die Ambivalenz des Werks macht seine Stärke aus: Es zeigt weder eine Utopie noch eine Dystopie, sondern eine **widersprüchliche, reale Möglichkeit**
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### Fazit / Hauptgedanken
- **Robertas Construction Chart 1** ist ein gelebtes CyborgExperiment: eine Identität, die nicht geboren, sondern gebaut ist aus Makeup, Dokumenten, Fotografien und mehreren Körpern.
- Das Werk macht sichtbar, was Haraway theoretisiert: Identität als **Konstruktion**, nicht als Essenz; **Fragmentierung** statt Ganzheit; **ironische Verantwortung** statt romantischem Rückzug ins Natürliche.
- Die **„Bauanleitung“** (Construction Chart) ist das zentrale politische Werkzeug des CyborgFeminismus: Sie zeigt, dass Grenzen (zwischen Selbst und Anderem, echt und gespielt, weiblich und männlich) gemacht werden und daher auch anders gemacht werden können.
- **„Lieber ein Cyborg als eine Göttin“** Hershman Leeson entscheidet sich für die konstruierte Kunstfigur, nicht für die organische Ganzheit.
- Das Kunstwerk ist ein **Laboratorium für postmoderne, posthumanistische Politik** und ein notwendiger Kommentar zu Haraways Theorie, der deren Ambivalenzen konkret werden lässt.
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Referat:
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