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@@ -76,4 +76,164 @@ Donna Haraway, "A Manifesto for Cyborgs", 1985
[Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe](https://zkm.de/system/files/field_media_file/2023/06/17/075733/2014-broschuere-lynn-hershman-leeson-civic-radar.pdf) [Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe](https://zkm.de/system/files/field_media_file/2023/06/17/075733/2014-broschuere-lynn-hershman-leeson-civic-radar.pdf)
[Meredith Tromble (Hrsg.) & Lynn Hershmann, The Art and Films of Lynn Hershman Leeson, S. 104-107](https://books.google.com.sg/books?id=ZQ0cEQAAQBAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false) [Meredith Tromble (Hrsg.) & Lynn Hershmann, The Art and Films of Lynn Hershman Leeson, S. 104-107](https://books.google.com.sg/books?id=ZQ0cEQAAQBAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false)
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### Sachbezogener Hauptteil
#### 1. Das Kunstwerk: _Robertas Construction Chart 1_ (1975/2004)
**Künstlerin:** Lynn Hershman Leeson (*1941, Cleveland/USA) Pionierin der Medienkunst und des frühen digitalen Feminismus
**Entstehung:** 1975 als CPrint; 2004 als archivarischer Digitaldruck in einer Auflage von 12 + 2 Künstlerabzügen
**Format:** Fotografie Bauplan einer künstlichen Identität
**Kontext Roberta Breitmore Series (19741978):**
- Hershman Leeson erschuf eine fiktive Frauenfigur, die über mehrere Jahre real lebte
- Roberta wurde durch standardisierte _Construction Charts_ erzeugt: Makeup, Kleidung, Perücke, Gestik
- Sie mietete Wohnungen, eröffnete ein Bankkonto, machte eine Therapie, suchte Mitbewohnerinnen
- Mehrere Schauspielerinnen verkörperten Roberta gleichzeitig sie war ein „Klon“‑Wesen
- Ende 1978: symbolischer Exorzismus in Ferrara (Italien)
- Nachleben: _CybeRoberta_ (KIPuppe, 1990er) und Auftritte in _Second Life_ (2006)
**Forschungsfrage:** Wie lässt sich dieses Kunstwerk mit Donna Haraways CyborgTheorie verbinden?
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#### 2. Haraways Cyborg die theoretische Grundlage
**Zentrale Thesen aus _A Cyborg Manifesto_ (1985):**
- Cyborg = **Hybride aus Organismus und Maschine** Fiktion _und_ soziale Realität (S. 3)
- Ironischer Mythos, der **keine Ursprungsgeschichte** kennt (kein Garten Eden, kein ödipaler Plot) (S. 4)
- Überwindung der großen Dualismen: Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Körper/Geist, Natur/Kultur (S. 56)
- **„Wir sind Cyborgs“** ontologische Aussage über die Verfasstheit spätmoderner Subjekte (S. 3)
- Politik der **Koalition statt Identität** fragmentierte, strategische Bündnisse (S. 910)
**Für das Kunstwerk relevant:**
- Der Cyborg ist „resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity“ (S. 4) genau das zeigt Roberta
- Keine Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit: Roberta ist nicht geboren, sondern **konstruiert**
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#### 3. Roberta als Cyborg vier Grenzüberschreitungen nach Haraway
**a) Mensch / Tier (Haraway, S. 5)**
- Roberta ist weder ganz Mensch noch ganz Maschine sie existiert in einer Schwebe zwischen echt und gespielt
- Die _Construction Charts_ standardisieren den Körper wie eine biotechnische Prothese
**b) Organismus / Maschine (Haraway, S. 56)**
- Roberta lebt als **menschlicher Avatar** ihre Existenz ist an Aufzeichnungstechniken (Fotografie, Dokumente) gebunden
- Mehrere Verkörperungen durch verschiedene Schauspielerinnen → **Replikation ohne Original** (vgl. Haraways „Replikation statt Reproduktion“, S. 16, Tabelle)
**c) Physisch / Nichtphysisch (Haraway, S. 67)**
- Roberta existiert gleichzeitig **materiell** (Fotos, Mietverträge, Führerschein) und **immateriell** (Performance, Daten, später als KI)
- Haraway: Mikroelektronik und Codierung verwischen diese Grenze die _Construction Charts_ sind ein solcher Code
**d) Selbst / Andere (Haraway, S. 30)**
- Wer ist das „Original“ Roberta? Wer der „Klon“? Die Unterscheidung wird unmöglich
- Haraways Liste problematischer Dualismen (_self/other, whole/part, reality/appearance_) wird durch die Serie praktisch vorgeführt
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#### 4. Einordnung des Kunstwerks in seine Epoche
**Kunsthistorische Einordnung:**
- 1970er Jahre: Konzeptkunst, Performance, feministische Kunst (z.B. Eleanor Antin, Adrian Piper)
- Hershman Leeson geht über reine Performance hinaus: Sie schafft eine **dauerhafte, dokumentierte Parallelidentität**
- Vorläuferin von Postmoderne und Posthumanismus lange bevor diese Begriffe im Kunstdiskurs etabliert waren
**Begründung für die Wahl des Werks:**
- Die _Construction Charts_ sind keine traditionellen Kunstobjekte, sondern **Bauanleitungen für Identität** genau das, was Haraway als CyborgPraxis beschreibt
- Das Werk antizipiert um ein Jahrzehnt Haraways theoretische Figur (197478 vs. 1985)
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#### 5. Politische Dimension: CyborgFeminismus in der künstlerischen Praxis
**Laut ZKMBroschüre _Civic Radar_ (2014):**
- Hershman Leeson thematisiert die **Konstruiertheit von Weiblichkeit** als Reaktion auf die essentialistischen Feminismen der 1970er Jahre
- Roberta ist eine „simulierte Frau“ sie zeigt, dass Geschlecht keine Natur, sondern eine **performative und technisch reproduzierbare Rolle** ist
- Die Künstlerin nutzt die Mittel der Medien und des Rechts (Ausweise, Verträge), um die **Macht von Dokumenten** über Identität zu entlarven
**Nach Meredith Tromble (2005):**
- Tromble analysiert die RobertaSerie als frühes Beispiel für **postmoderne Subjektkritik**
- Die Serie demonstriert, dass Identität **fragmentiert, multiplizierbar und archivierbar** ist eine praktische Umsetzung von Haraways „partial identities“
- Besonders die _Construction Charts_ machen den **Herstellungsprozess** sichtbar und verweigern sich der Romantisierung eines authentischen Selbst
**Verbindung zu Haraways Politik:**
- Keine natürliche Gemeinschaft aller Frauen, sondern **bewusste, fragmentierte Bündnisse** (Koalition statt Identität)
- Roberta wird von mehreren Darstellerinnen getragen eine **politische Affinitätsgruppe** avant la lettre
- Technologie wird nicht abgelehnt, sondern als **Werkzeug der Selbstermächtigung** genutzt ganz im Sinne von Haraways „responsibility for boundaries“ (S. 4)
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#### 6. Kritische Reflexion
- Roberta ist nicht nur emanzipiert, sondern auch **Opfer** Angststörungen, Depression, Suizidgedanken (dokumentiert in den Tagebüchern der Figur)
- Haraway betont: Der Cyborg ist **nicht unschuldig** (S. 4). Technologisierte Identität kann neue Formen der Entfremdung schaffen
- Die Ambivalenz des Werks macht seine Stärke aus: Es zeigt weder eine Utopie noch eine Dystopie, sondern eine **widersprüchliche, reale Möglichkeit**
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### Fazit / Hauptgedanken
- **Robertas Construction Chart 1** ist ein gelebtes CyborgExperiment: eine Identität, die nicht geboren, sondern gebaut ist aus Makeup, Dokumenten, Fotografien und mehreren Körpern.
- Das Werk macht sichtbar, was Haraway theoretisiert: Identität als **Konstruktion**, nicht als Essenz; **Fragmentierung** statt Ganzheit; **ironische Verantwortung** statt romantischem Rückzug ins Natürliche.
- Die **„Bauanleitung“** (Construction Chart) ist das zentrale politische Werkzeug des CyborgFeminismus: Sie zeigt, dass Grenzen (zwischen Selbst und Anderem, echt und gespielt, weiblich und männlich) gemacht werden und daher auch anders gemacht werden können.
- **„Lieber ein Cyborg als eine Göttin“** Hershman Leeson entscheidet sich für die konstruierte Kunstfigur, nicht für die organische Ganzheit.
- Das Kunstwerk ist ein **Laboratorium für postmoderne, posthumanistische Politik** und ein notwendiger Kommentar zu Haraways Theorie, der deren Ambivalenzen konkret werden lässt.
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