--- title: Referat - Note short_desc: tags: - Note - Uni timestamp: 27.05.2026 - 11:40 path: public: true update: true editor: markdown uuid: "1779874846234" --- >[!info] # Tasks - [ ] Thesenpapier erstellen - [ ] 1-2 Seiten Stickpunkte - [ ] Zusammenfassung des Referats - [ ] Kunstwerk/Installation Heraussuchen https://dam.org/museum/artists_ui/artists/hershman-leeson-lynn/hershman-roberta-breitmore/ https://www.lynnhershman.com/project/roberta-breitmore/ - [ ] Referatskonzept vorstellen - [ ] Präsi erstellen Lynn Hershman Leeson, _Roberta’s Construction Chart 1_, 1975. Image courtesy of the artist and the Tate. ![[Roberta's Construction Chart 1.png]] # Thesenblatt Hochschule für bildende Künste Dissonanzen Gestalten SoSe 2026 Hanni Geiger 06.06.2026 Phil Keier **Technische Daten** Künstlerin: Lynn Hershman Leeson Titel: Roberta’s Construction Chart 1 Datierung: 1975 Technik: Archivalischer Digitaldruck & Farbübertragungsdruck Maße: 58.4 x 43.2 cm Standort: Mehrere der Print wurde vervielfacht - San Francisco Museum of Modern Art - Quelle: https://www.sfmoma.org/artwork/2015.701/ - Inventarnummer: 2015.701 - Tate Modern (London) - Quelle: https://www.tate.org.uk/art/artworks/hershman-leeson-roberta-construction-chart-1-p20339 - Inventarnummer: P20339 **Beschreibung**: - Donna Haraways *A Cyborg Manifesto (1985)* - Verknüpfung von (sozialistischer) Feminismuskritik mit Wissenschafts- & Technologiestudien - Kritik an klassischen Feminismen - Sozialistischer Feminismus (Marxistisch) - Radikaler Femininusmus (MacKinnon) - *Cyborg-Image* gegen Identitätspolitik - *Roberta's Contruction Chart 1* als Praktische Umsetzung **Hauptteil**: 1. Theoretische Grundlage Haraways Cyborgs 2. Vorstellung des Kunstwerkes & der Künstlerin im Kontext der Roberta Breitmore Serie (1974-1978) 3. Roberta als Cyborg - Grenzüberschreitungen nach Haraway 4. Einordnung in die Epoche 5. Politische Dimension 6. Kritische Reflektion **Fazit**: Quellen: Donna Haraway, "A Manifesto for Cyborgs", 1985 [Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe](https://zkm.de/system/files/field_media_file/2023/06/17/075733/2014-broschuere-lynn-hershman-leeson-civic-radar.pdf) [Meredith Tromble (Hrsg.) & Lynn Hershmann, The Art and Films of Lynn Hershman Leeson, S. 104-107](https://books.google.com.sg/books?id=ZQ0cEQAAQBAJ&newbks=1&newbks_redir=0&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false) --- ### Sachbezogener Hauptteil #### 1. Das Kunstwerk: _Roberta’s Construction Chart 1_ (1975/2004) **Künstlerin:** Lynn Hershman Leeson (*1941, Cleveland/USA) – Pionierin der Medienkunst und des frühen digitalen Feminismus **Entstehung:** 1975 als C‑Print; 2004 als archivarischer Digitaldruck in einer Auflage von 12 + 2 Künstlerabzügen **Format:** Fotografie – Bauplan einer künstlichen Identität **Kontext – Roberta Breitmore Series (1974–1978):** - Hershman Leeson erschuf eine fiktive Frauenfigur, die über mehrere Jahre real lebte - Roberta wurde durch standardisierte _Construction Charts_ erzeugt: Make‑up, Kleidung, Perücke, Gestik - Sie mietete Wohnungen, eröffnete ein Bankkonto, machte eine Therapie, suchte Mitbewohnerinnen - Mehrere Schauspielerinnen verkörperten Roberta gleichzeitig – sie war ein „Klon“‑Wesen - Ende 1978: symbolischer Exorzismus in Ferrara (Italien) - Nachleben: _CybeRoberta_ (KI‑Puppe, 1990er) und Auftritte in _Second Life_ (2006) **Forschungsfrage:** Wie lässt sich dieses Kunstwerk mit Donna Haraways Cyborg‑Theorie verbinden? --- #### 2. Haraways Cyborg – die theoretische Grundlage **Zentrale Thesen aus _A Cyborg Manifesto_ (1985):** - Cyborg = **Hybride aus Organismus und Maschine** – Fiktion _und_ soziale Realität (S. 3) - Ironischer Mythos, der **keine Ursprungsgeschichte** kennt (kein Garten Eden, kein ödipaler Plot) (S. 4) - Überwindung der großen Dualismen: Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Körper/Geist, Natur/Kultur (S. 5–6) - **„Wir sind Cyborgs“** – ontologische Aussage über die Verfasstheit spätmoderner Subjekte (S. 3) - Politik der **Koalition statt Identität** – fragmentierte, strategische Bündnisse (S. 9–10) **Für das Kunstwerk relevant:** - Der Cyborg ist „resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity“ (S. 4) – genau das zeigt Roberta - Keine Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit: Roberta ist nicht geboren, sondern **konstruiert** --- #### 3. Roberta als Cyborg – vier Grenzüberschreitungen nach Haraway **a) Mensch / Tier (Haraway, S. 5)** - Roberta ist weder ganz Mensch noch ganz Maschine – sie existiert in einer Schwebe zwischen echt und gespielt - Die _Construction Charts_ standardisieren den Körper wie eine biotechnische Prothese **b) Organismus / Maschine (Haraway, S. 5–6)** - Roberta lebt als **menschlicher Avatar** – ihre Existenz ist an Aufzeichnungstechniken (Fotografie, Dokumente) gebunden - Mehrere Verkörperungen durch verschiedene Schauspielerinnen → **Replikation ohne Original** (vgl. Haraways „Replikation statt Reproduktion“, S. 16, Tabelle) **c) Physisch / Nicht‑physisch (Haraway, S. 6–7)** - Roberta existiert gleichzeitig **materiell** (Fotos, Mietverträge, Führerschein) und **immateriell** (Performance, Daten, später als KI) - Haraway: Mikroelektronik und Codierung verwischen diese Grenze – die _Construction Charts_ sind ein solcher Code **d) Selbst / Andere (Haraway, S. 30)** - Wer ist das „Original“ Roberta? Wer der „Klon“? Die Unterscheidung wird unmöglich - Haraways Liste problematischer Dualismen (_self/other, whole/part, reality/appearance_) wird durch die Serie praktisch vorgeführt --- #### 4. Einordnung des Kunstwerks in seine Epoche **Kunsthistorische Einordnung:** - 1970er Jahre: Konzeptkunst, Performance, feministische Kunst (z. B. Eleanor Antin, Adrian Piper) - Hershman Leeson geht über reine Performance hinaus: Sie schafft eine **dauerhafte, dokumentierte Parallelidentität** - Vorläuferin von Postmoderne und Posthumanismus – lange bevor diese Begriffe im Kunstdiskurs etabliert waren **Begründung für die Wahl des Werks:** - Die _Construction Charts_ sind keine traditionellen Kunstobjekte, sondern **Bauanleitungen für Identität** – genau das, was Haraway als Cyborg‑Praxis beschreibt - Das Werk antizipiert um ein Jahrzehnt Haraways theoretische Figur (1974–78 vs. 1985) --- #### 5. Politische Dimension: Cyborg‑Feminismus in der künstlerischen Praxis **Laut ZKM‑Broschüre _Civic Radar_ (2014):** - Hershman Leeson thematisiert die **Konstruiertheit von Weiblichkeit** als Reaktion auf die essentialistischen Feminismen der 1970er Jahre - Roberta ist eine „simulierte Frau“ – sie zeigt, dass Geschlecht keine Natur, sondern eine **performative und technisch reproduzierbare Rolle** ist - Die Künstlerin nutzt die Mittel der Medien und des Rechts (Ausweise, Verträge), um die **Macht von Dokumenten** über Identität zu entlarven **Nach Meredith Tromble (2005):** - Tromble analysiert die Roberta‑Serie als frühes Beispiel für **postmoderne Subjektkritik** - Die Serie demonstriert, dass Identität **fragmentiert, multiplizierbar und archivierbar** ist – eine praktische Umsetzung von Haraways „partial identities“ - Besonders die _Construction Charts_ machen den **Herstellungsprozess** sichtbar und verweigern sich der Romantisierung eines authentischen Selbst **Verbindung zu Haraways Politik:** - Keine natürliche Gemeinschaft aller Frauen, sondern **bewusste, fragmentierte Bündnisse** (Koalition statt Identität) - Roberta wird von mehreren Darstellerinnen getragen – eine **politische Affinitätsgruppe** avant la lettre - Technologie wird nicht abgelehnt, sondern als **Werkzeug der Selbstermächtigung** genutzt – ganz im Sinne von Haraways „responsibility for boundaries“ (S. 4) --- #### 6. Kritische Reflexion - Roberta ist nicht nur emanzipiert, sondern auch **Opfer** – Angststörungen, Depression, Suizidgedanken (dokumentiert in den Tagebüchern der Figur) - Haraway betont: Der Cyborg ist **nicht unschuldig** (S. 4). Technologisierte Identität kann neue Formen der Entfremdung schaffen - Die Ambivalenz des Werks macht seine Stärke aus: Es zeigt weder eine Utopie noch eine Dystopie, sondern eine **widersprüchliche, reale Möglichkeit** --- ### Fazit / Hauptgedanken - **Roberta’s Construction Chart 1** ist ein gelebtes Cyborg‑Experiment: eine Identität, die nicht geboren, sondern gebaut ist – aus Make‑up, Dokumenten, Fotografien und mehreren Körpern. - Das Werk macht sichtbar, was Haraway theoretisiert: Identität als **Konstruktion**, nicht als Essenz; **Fragmentierung** statt Ganzheit; **ironische Verantwortung** statt romantischem Rückzug ins Natürliche. - Die **„Bauanleitung“** (Construction Chart) ist das zentrale politische Werkzeug des Cyborg‑Feminismus: Sie zeigt, dass Grenzen (zwischen Selbst und Anderem, echt und gespielt, weiblich und männlich) gemacht werden – und daher auch anders gemacht werden können. - **„Lieber ein Cyborg als eine Göttin“** – Hershman Leeson entscheidet sich für die konstruierte Kunstfigur, nicht für die organische Ganzheit. - Das Kunstwerk ist ein **Laboratorium für postmoderne, posthumanistische Politik** – und ein notwendiger Kommentar zu Haraways Theorie, der deren Ambivalenzen konkret werden lässt. ---