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Lynn Hershman Leeson, Robertas Construction Chart 1, 1975. Image courtesy of the artist and the Tate.

!Roberta's Construction Chart 1.png

Thesenblatt

Hochschule für bildende Künste Dissonanzen Gestalten SoSe 2026 Hanni Geiger 06.06.2026
Phil Keier

Technische Daten Künstlerin: Lynn Hershman Leeson Titel: Robertas Construction Chart 1 Datierung: 1975 Technik: Archivalischer Digitaldruck & Farbübertragungsdruck Maße: 58.4 x 43.2 cm

Standort: Mehrere der Print wurde vervielfacht

Beschreibung:

  • Donna Haraways A Cyborg Manifesto (1985)
  • Verknüpfung von (sozialistischer) Feminismuskritik mit Wissenschafts- & Technologiestudien
  • Kritik an klassischen Feminismen
    • Sozialistischer Feminismus (Marxistisch)
    • Radikaler Femininusmus (MacKinnon)
  • Cyborg-Image gegen Identitätspolitik
  • Roberta's Contruction Chart 1 als Praktische Umsetzung

Hauptteil:

  1. Theoretische Grundlage Haraways Cyborgs
  2. Vorstellung des Kunstwerkes & der Künstlerin im Kontext der Roberta Breitmore Serie (1974-1978)
  3. Roberta als Cyborg - Grenzüberschreitungen nach Haraway
  4. Einordnung in die Epoche
  5. Politische Dimension
  6. Kritische Reflektion

Fazit:

Quellen: Donna Haraway, "A Manifesto for Cyborgs", 1985 Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe Meredith Tromble (Hrsg.) & Lynn Hershmann, The Art and Films of Lynn Hershman Leeson, S. 104-107


Sachbezogener Hauptteil

1. Das Kunstwerk: Robertas Construction Chart 1 (1975/2004)

Künstlerin: Lynn Hershman Leeson (*1941, Cleveland/USA) Pionierin der Medienkunst und des frühen digitalen Feminismus
Entstehung: 1975 als CPrint; 2004 als archivarischer Digitaldruck in einer Auflage von 12 + 2 Künstlerabzügen
Format: Fotografie Bauplan einer künstlichen Identität

Kontext Roberta Breitmore Series (19741978):

  • Hershman Leeson erschuf eine fiktive Frauenfigur, die über mehrere Jahre real lebte

  • Roberta wurde durch standardisierte Construction Charts erzeugt: Makeup, Kleidung, Perücke, Gestik

  • Sie mietete Wohnungen, eröffnete ein Bankkonto, machte eine Therapie, suchte Mitbewohnerinnen

  • Mehrere Schauspielerinnen verkörperten Roberta gleichzeitig sie war ein „Klon“‑Wesen

  • Ende 1978: symbolischer Exorzismus in Ferrara (Italien)

  • Nachleben: CybeRoberta (KIPuppe, 1990er) und Auftritte in Second Life (2006)

Forschungsfrage: Wie lässt sich dieses Kunstwerk mit Donna Haraways CyborgTheorie verbinden?


2. Haraways Cyborg die theoretische Grundlage

Zentrale Thesen aus A Cyborg Manifesto (1985):

  • Cyborg = Hybride aus Organismus und Maschine Fiktion und soziale Realität (S. 3)

  • Ironischer Mythos, der keine Ursprungsgeschichte kennt (kein Garten Eden, kein ödipaler Plot) (S. 4)

  • Überwindung der großen Dualismen: Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Körper/Geist, Natur/Kultur (S. 56)

  • „Wir sind Cyborgs“ ontologische Aussage über die Verfasstheit spätmoderner Subjekte (S. 3)

  • Politik der Koalition statt Identität fragmentierte, strategische Bündnisse (S. 910)

Für das Kunstwerk relevant:

  • Der Cyborg ist „resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity“ (S. 4) genau das zeigt Roberta

  • Keine Sehnsucht nach ursprünglicher Einheit: Roberta ist nicht geboren, sondern konstruiert


3. Roberta als Cyborg vier Grenzüberschreitungen nach Haraway

a) Mensch / Tier (Haraway, S. 5)

  • Roberta ist weder ganz Mensch noch ganz Maschine sie existiert in einer Schwebe zwischen echt und gespielt

  • Die Construction Charts standardisieren den Körper wie eine biotechnische Prothese

b) Organismus / Maschine (Haraway, S. 56)

  • Roberta lebt als menschlicher Avatar ihre Existenz ist an Aufzeichnungstechniken (Fotografie, Dokumente) gebunden

  • Mehrere Verkörperungen durch verschiedene Schauspielerinnen → Replikation ohne Original (vgl. Haraways „Replikation statt Reproduktion“, S. 16, Tabelle)

c) Physisch / Nichtphysisch (Haraway, S. 67)

  • Roberta existiert gleichzeitig materiell (Fotos, Mietverträge, Führerschein) und immateriell (Performance, Daten, später als KI)

  • Haraway: Mikroelektronik und Codierung verwischen diese Grenze die Construction Charts sind ein solcher Code

d) Selbst / Andere (Haraway, S. 30)

  • Wer ist das „Original“ Roberta? Wer der „Klon“? Die Unterscheidung wird unmöglich

  • Haraways Liste problematischer Dualismen (self/other, whole/part, reality/appearance) wird durch die Serie praktisch vorgeführt


4. Einordnung des Kunstwerks in seine Epoche

Kunsthistorische Einordnung:

  • 1970er Jahre: Konzeptkunst, Performance, feministische Kunst (z.B. Eleanor Antin, Adrian Piper)

  • Hershman Leeson geht über reine Performance hinaus: Sie schafft eine dauerhafte, dokumentierte Parallelidentität

  • Vorläuferin von Postmoderne und Posthumanismus lange bevor diese Begriffe im Kunstdiskurs etabliert waren

Begründung für die Wahl des Werks:

  • Die Construction Charts sind keine traditionellen Kunstobjekte, sondern Bauanleitungen für Identität genau das, was Haraway als CyborgPraxis beschreibt

  • Das Werk antizipiert um ein Jahrzehnt Haraways theoretische Figur (197478 vs. 1985)


5. Politische Dimension: CyborgFeminismus in der künstlerischen Praxis

Laut ZKMBroschüre Civic Radar (2014):

  • Hershman Leeson thematisiert die Konstruiertheit von Weiblichkeit als Reaktion auf die essentialistischen Feminismen der 1970er Jahre

  • Roberta ist eine „simulierte Frau“ sie zeigt, dass Geschlecht keine Natur, sondern eine performative und technisch reproduzierbare Rolle ist

  • Die Künstlerin nutzt die Mittel der Medien und des Rechts (Ausweise, Verträge), um die Macht von Dokumenten über Identität zu entlarven

Nach Meredith Tromble (2005):

  • Tromble analysiert die RobertaSerie als frühes Beispiel für postmoderne Subjektkritik

  • Die Serie demonstriert, dass Identität fragmentiert, multiplizierbar und archivierbar ist eine praktische Umsetzung von Haraways „partial identities“

  • Besonders die Construction Charts machen den Herstellungsprozess sichtbar und verweigern sich der Romantisierung eines authentischen Selbst

Verbindung zu Haraways Politik:

  • Keine natürliche Gemeinschaft aller Frauen, sondern bewusste, fragmentierte Bündnisse (Koalition statt Identität)

  • Roberta wird von mehreren Darstellerinnen getragen eine politische Affinitätsgruppe avant la lettre

  • Technologie wird nicht abgelehnt, sondern als Werkzeug der Selbstermächtigung genutzt ganz im Sinne von Haraways „responsibility for boundaries“ (S. 4)


6. Kritische Reflexion

  • Roberta ist nicht nur emanzipiert, sondern auch Opfer Angststörungen, Depression, Suizidgedanken (dokumentiert in den Tagebüchern der Figur)

  • Haraway betont: Der Cyborg ist nicht unschuldig (S. 4). Technologisierte Identität kann neue Formen der Entfremdung schaffen

  • Die Ambivalenz des Werks macht seine Stärke aus: Es zeigt weder eine Utopie noch eine Dystopie, sondern eine widersprüchliche, reale Möglichkeit


Fazit / Hauptgedanken

  • Robertas Construction Chart 1 ist ein gelebtes CyborgExperiment: eine Identität, die nicht geboren, sondern gebaut ist aus Makeup, Dokumenten, Fotografien und mehreren Körpern.

  • Das Werk macht sichtbar, was Haraway theoretisiert: Identität als Konstruktion, nicht als Essenz; Fragmentierung statt Ganzheit; ironische Verantwortung statt romantischem Rückzug ins Natürliche.

  • Die „Bauanleitung“ (Construction Chart) ist das zentrale politische Werkzeug des CyborgFeminismus: Sie zeigt, dass Grenzen (zwischen Selbst und Anderem, echt und gespielt, weiblich und männlich) gemacht werden und daher auch anders gemacht werden können.

  • „Lieber ein Cyborg als eine Göttin“ Hershman Leeson entscheidet sich für die konstruierte Kunstfigur, nicht für die organische Ganzheit.

  • Das Kunstwerk ist ein Laboratorium für postmoderne, posthumanistische Politik und ein notwendiger Kommentar zu Haraways Theorie, der deren Ambivalenzen konkret werden lässt.